Hallo, ich bin Sonja – und der Nachmittag, an dem ich anfing mitzuschreiben
Ich heiße Sonja, arbeite in Frankfurt als Lektorin und reise seit Jahren regelmäßig nach Istanbul. An einem Oktobernachmittag in Sultanahmet begann ich endlich, all die Details systematisch aufzuschreiben.

Hallo, ich bin Sonja. Ich bin achtunddreißig Jahre alt und arbeite in Frankfurt am Main als Sachbuchlektorin. Meinen Berufsalltag verbringe ich damit, verschachtelte Manuskripte zu entwirren, Quellennachweise zu prüfen und auf Klarheit zu drängen. Abseits des Schreibtischs zieht es mich jedoch an Orte, an denen Geschichte dicht, vielschichtig und bisweilen eigensinnig ist. Genau dieser Sog führte mich vor Jahren zum ersten Mal nach Istanbul. Seitdem kehre ich jedes Jahr zwei- oder dreimal zurück. Manchmal begleitet mich mein Partner für entschleunigte, teegetränkte Wochenenden auf der asiatischen Seite des Bosporus; ebenso oft packe ich feste Laufschuhe ein und reise ganz allein, um mit einem Notizbuch in der Jackentasche durch die Straßen zu streifen.
Lange Zeit bestanden meine Aufzeichnungen nur aus flüchtigen Notizen auf Fahrkarten der Metro: Umsteigepunkte, die exakte Minutenzahl für den Fußweg vom Fähranleger den steilen Hügel hinauf oder der Lichteinfall in einem Innenhof. Doch an einem bestimmten Oktobernachmittag in Sultanahmet setzte ich mich hin und füllte zum ersten Mal ganze Seiten. Es war der Tag, an dem dieses Tagebuch eigentlich seinen Anfang nahm.
Abstieg unter das Pflaster der Stadt
Den ersten Teil jenes Tages war ich von Sirkeci aus durch die engen Gassen hinter den Schienen der Straßenbahn aufwärtsgelaufen. Mein Kopf war voll vom Geräuschpegel der Metropole – dem Läuten der Tramlinie T1, den Rufen der Straßenhändler, die geröstete Maronen anpriesen, und dem gleichmäßigen Verkehrsstrom entlang des Divan Yolu. Direkt gegenüber der Hagia Sophia, nur wenige Schritte über die Gleise, bog ich zum flachen Eingangspavillon der Basilika-Zisterne ab.

Über die Steintreppe hinab in die Zisterne zu steigen, gleicht jedes Mal einem sofortigen Abfall von Temperatur und Lautstärke. Das urbane Treiben darüber verschwindet augenblicklich. Unter Tage ist die Luft feucht und kühl; sie riecht dezent nach sauberem Stein und jahrhundertealtem Ziegelmörtel. Ein flaches Becken aus dunklem Wasser breitet sich unter einem Wald aus Marmorsäulen aus, akzentuiert durch ein zurückhaltendes Licht, das sich sanft in den Gewölben spiegelt.
Ich ging über die erhöhten Holzstege und lauschte dem stetigen, rhythmischen Tropfen des Wassers. Mit dem prüfenden Blick der Lektorin ertappte ich mich dabei, wie ich das Mauerwerk sezierte: römische Kapitelle, die ohne Scheu zweitverwertet wurden, kunstvoll gemeißelte Akanthusblätter auf schlichten Säulenschäften und Ziegelkreuzgewölbe, die seit fünfzehn Jahrhunderten halten.
In der hinteren Ecke blieb ich vor den beiden Medusenhäuptern stehen, die als Säulenbasen dienen. Eines liegt auf der Seite, das andere steht komplett auf dem Kopf – pragmatisch verbaute Blöcke aus antikem Bruchstein im feuchten Grund. Im kühlen Halbdunkel beobachtete ich die winzigen Wellenbewegungen auf den gemeißelten Locken der Medusa, zog ein kleines schwarzes Notizheft hervor und hielt diese Stille fest. Es faszinierte mich, wie eine Metropole von sechzehn Millionen Menschen einen solch vollkommenen unterirdischen Ruhepunkt in sich tragen kann.

Ein Tisch an den Mauern des Palastes
Als ich wieder an die Oberfläche trat, stand die Nachmittagssonne bereits tief und warf lange Schatten über den Sultanahmet-Platz. Statt zur vollen Straßenbahnhaltestelle zu gehen, bog ich auf das ruhige Kopfsteinpflaster der Soğuk-Çeşme-Straße ein. Eine schmale Gasse, die auf der einen Seite von alten Fachwerkhäusern gesäumt wird und auf der anderen von den wuchtigen Außenmauern des Topkapı-Palastes überragt wird.
Eingebettet in diese historische Häuserzeile, nur wenige Schritte von der Palastmauer entfernt, stieß ich auf das Chimney Bistro. Ich war bei früheren Reisen schon daran vorbeigelaufen, doch an diesem Abend drückte ich die Tür auf. Drinnen traf warmes Licht auf eine Bar aus unverputztem Backstein. Nach einem leisen Nicken des Personals wählte ich einen Ecktisch unter dem offenen Dachbereich, durch den die kühle Abendluft hereinzog.

Ich bestellte ein Glas trockenen türkischen Rotwein und die Chimney Combo mit frisch gebackener Rinder-Pide. Als das Holzbrett serviert wurde, war der Teigrand noch siedend heiß und kross gebacken, gefüllt mit gewürztem Rinderhack und Kräutern, die intensiv nach Kreuzkümmel und gerösteter Paprika dufteten. Es war eine unprätentiöse, handwerklich präzise Stärkung nach den vielen Stunden auf alten Steinplatten.

Ich blieb zwei Stunden lang mit meinem Wein und dem Notizbuch sitzen und füllte drei Doppelseiten. Ich notierte den exakten Fußweg vom Ausgang der Zisterne, die ruhigste Bank im Gülhane-Park, die Beschaffenheit des spätantiken Mauerwerks und dieses besondere Gefühl, an ein und demselben Nachmittag neben einem byzantinischen Wasserspeicher und einer osmanischen Festungsmauer zu verweilen.
Menü im Bistro buchenChimney Bistro, SultanahmetDas war der Abend, an dem ich beschloss, meine Eindrücke nicht mehr in losen Heften in einer Frankfurter Schublade versickern zu lassen. Auf Reisen suche ich nach Verlässlichkeit, historischem Gewicht und belastbaren Taktungen – ich will wissen, welche Routen sich lohnen, wie lange ein Transfer tatsächlich dauert und wo man einkehren kann, wenn die Reizdichte dieser riesigen Stadt eine Pause verlangt. Genau das habe ich damals aufgeschrieben, und genau darum geht es hier.

